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Der zappelige Zahlenzähler

Eine Geschichte von Sandra Grimm, mit Illustrationen von Julia Bierkandt, erschienen im Arena Verlag.

Raschel, raschel-raschel.

„Komisch", sagte Ticktack. „Es raschelt dauernd unterm Sofa. Anna, ich fürchte, wir haben eine Maus im Haus.“

„Haha“, klang es dumpf von unten.

Mauselinchen ächzte. „Gleich habe ich es!“

„Was suchst du denn da?“, fragte Ticktack neugierig.

Da kullerte ein Geldstück unter dem Sofa hervor.

Gleich hinterher schob sich die kleine Maus.

Ihre große Brille war voller Staubflusen, genau wie ihr schönes graues Fell.

„Ah, eine Staubmaus!“, rief Ticktack und lachte.

Dann sagte er: „Warte, ich helfe dir.“

Er nahm eine Feder aus der Blumenvase neben dem Sofa und wedelte damit über Mauselinchens Fell.

„Na siehste, da biste wieder hübsch“, brummte Ticktack zufrieden.

Die Maus lächelte ihm dankbar zu, hob das Geldstück an und rollte es hinter den Tresen.

„Fünfzig Cent", sagte sie eifrig. „Die fehlten vorgestern in der Kasse. Ich habe sie wiedergefunden.“

Ticktack zog die kleine Schublade auf, die unter seinem Uhrwerk eingebaut war.

„Hier, ich habe noch ein Zwei-Cent-Stück. Willst du das auch?"

Mauselinchen schüttelte den Kopf.

„Nein. Es fehlen nur fünfzig Cent. Die Zahlen müssen stimmen.“

Ping ping ping ping! Ein dicker kleiner Mann kam in den Schöne-Träume-Laden.

Er schloss die Tür und sah sich um.

„Hallo?", rief er.

Da erblickte er Ticktack.

„Oh, ein Zwei-Cent-Stück“, sagte er.

Ticktack schloss erschrocken sein Schublädchen.

„Man guckt einem Wecker nicht in den Schuber!“, rief er entsetzt.

„Oh, Entschuldigung", sagte der Mann rasch. „Ich wollte nicht … ich bin Mathelehrer und liebe Zahlen, weißt du, ich sehe sie überall … entschuldige.“

„Schon gut", brummte Ticktack, huschte aber lieber zu Mauselinchen hinter den Tresen.

„Anna, Kundschaft!“, rief er laut.

Anna kam aus der Küche und begrüßte den Mann freundlich.

„Ach hallo, Herr Prim, wie schön, Sie zu sehen.“

„Hallo, Frau Zaubermond, Sie haben da einen Knopf verloren, Ihr Kleid hat eigentlich acht, minus eins macht sieben.“

Anna lächelte. „Oh tatsächlich, danke. Wie geht es Ihnen und Ihrer Frau?“

„Sehr gut, vielen Dank. Meine Frau, meine zwei Kinder und ich, das macht vier, sind aufs Land umgezogen. Das ist herrlich. Eigentlich kann ich dort auch sehr gut schlafen. Wenn ich nicht immerzu zählen müsste.“

„Hör doch einfach irgendwann auf", schlug Ticktack vor, der inzwischen auf den Tresen geklettert war.

„Aufhören?“, wunderte sich Herr Prim. „Aber nein, das geht nicht. Weißt du nicht, dass Zahlen unendlich sind? Es geht immer weiter! Durchs Dachfenster sehe ich Millionen Sterne, und auch wenn ich die Augen schließe, höre ich die Eulen rufen. Ihr Schuhu zähle ich die ganze Nacht hindurch. Ich kann einfach nicht aufhören.“

Plötzlich beugte er sich vor und starrte auf Ticktacks Bauch.

„Dein Zeiger ist nicht korrekt eingestellt, es ist zwei nach drei, nicht drei nach drei.“

Er hob seinen Zeigefinger und hätte vermutlich als Nächstes das Glas vor Ticktacks Ziffernblatt geöffnet, um die Zeiger richtig einzustellen.

Doch Ticktack klopfte ihm empört auf die Hand. „Also, das ist doch die Höhe. Zähl deine eigenen Finger, du Zeiger-Fummler!“

Entrüstet kroch er hinter die alte Kasse, wo Anna ihm beruhigend über die Klangglöckchen strich.

„Das mit den Fingern ist gar keine schlechte Idee“, murmelte sie und ging zum Bücherregal.

„Hm, Sandmann-Geschichten, Einschlaflieder für Große … ah, hier ist es: Gutenacht-Reime.“

Sie nahm ein dickes Buch mit einem roten Samtrücken aus dem Regal und blätterte darin herum.

Herr Prim zupfte an seinem Bart. „Sie meinen, ich soll lesen?“

Anna lachte. „Nein, Sie sollen zählen. Aber nur bis zehn."

„Weiter nicht? Das geht niemals!“ Der Mathelehrer hob abwehrend die Hände.

Anna las vor: „Die Eins ist das Däumchen, die Zwei bringt ein Träumchen, der Drei ist noch bange, die Vier gähnt schon lange. Die Fünf schläft allein, die Sechs rollt sich ein. Die Sieben gibt acht, die Acht sagt Gut’ Nacht. Die Neun deckt sich zu, die Zehn schläft im Nu.“

Während Anna las, senkte Herr Prim einen Finger nach dem andern.

Staunend sah er auf seine geschlossenen Hände.

„Das ist fantastisch", meinte er. „Nach zehn ist Schluss. Und die Finger schlafen dann, ich kann sie nicht noch einmal zählen, sonst würde ich sie wieder aufwecken.“

Er strahlte.

Drrr! Ticktack ließ seine Klangglöckchen schrillen.

„Meine Idee!“, rief er stolz.

Während Herr Prim bezahlte, schrieb Mauselinchen ihm den Reim in wunderschöner silberner Schrift auf ein dunkelblaues Blatt Papier.

Ticktack bemalte einen Holzrahmen mit silbernen Sternen.

Sie legten den Zahlenreim in den Rahmen und überreichten ihn Herrn Prim.

„Wunderschön“, fand er.

„Die Buchstaben leuchten in der Nacht“, verriet Mauselinchen. „Sie können sie im Dunkeln lesen.“

Herr Prim verbeugte sich. „Ich bedanke mich vielmals und wünsche ein-, zwei-, dreimal gute Nacht. Auf Wiedersehen."

Er winkte und ging hinaus.

Ticktack rieb seine Glasscheibe sauber. Es war ein Fingerabdruck darauf!

„Ich bin auch gut im Zählen", sagte er. „Ich kann bestimmt bis zwanzig zählen. Mindestens.“

„Wie weit kannst du zählen, Anna?“, wollte Mauselinchen wissen.

Anna Zaubermond überlegte. „Ich bin nicht sicher. Es dauert so lange, weit zu zählen, meistens schlafe ich irgendwann dabei ein."

„Du bist ja auch eine Schlaf-Expertin“, meinte Ticktack. „Du schläfst bei allem ein.“

„Wetten, dass ich beim Kitzeln nicht einschlafe?“, fragte Anna, und schon hallte das scheppernde Lachen des kleinen Weckers durch den ganzen Schöne-Träume-Laden.

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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