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Auf ins Abenteuer

Eine Geschichte von Katja Frixe, mit Illustrationen von Sandra Kissling, erschienen im cbj Verlag.

Millie ist aufgeregt. Und zwar richtig!

So aufgeregt ist sie sonst nur an Ostern oder Weihnachten oder an ihrem Geburtstag.

Ihr Herz klopft ganz schnell, und es zwickt ein bisschen in ihrem Bauch.

Zum Glück hat sie ihren Kuschel-Elefanten dabei.

„Na los!", sagt Papa und nimmt ihre Hand. „Die anderen Kinder sind bestimmt schon gespannt, wer da heute zu ihnen kommt.“

Er deutet auf das gelbe Haus mit den weiß gestrichenen Fensterrahmen.

Ein paar sind rund wie Bullaugen, die anderen schief wie bei einem Hexenhaus.

Über der Eingangstür entdeckt Millie große bunte Buchstaben.

„Was steht da?“, fragt sie.

„Kindergarten Wunderbar“, liest Papa vor. „Klingt gut, oder?“

„Klingt wunderbar“, sagt Millie, und Papa lacht.

Sie gehen ein Stück den kleinen Weg entlang.

Millie überlegt, ob sie es in ihrem neuen Kindergarten wirklich wunderbar finden wird.

Kurz vor dem Eingang bleibt sie stehen. „Papa?“

„Hm?“, macht Papa.

„Wenn es mir nicht gefällt, dann …“

In diesem Moment liegt mit Schwung die Tür auf.

„Hab ich da gerade richtig gehört? Hier glaubt jemand, es könnte ihm bei uns nicht gefallen?“

Vor Millie und Papa steht eine Frau mit grauen Haaren und einem lilafarbenen Haarband.

Ihr Kleid ist ebenfalls lila und mit funkelnden Glitzersternen übersät.

Sie breitet lächelnd die Arme aus.

„Herzlich willkommen, liebe Millie. Herzlich willkommen in unserem Kindergarten Wunderbar! Ich heiße Gesa, und das hier ist Pünktchen.“

Erst jetzt sieht Millie den kleinen Hund, der schwanzwedelnd hinter der Frau steht.

„Pünktchen will alle neuen Kinder persönlich begrüßen. Wenn du magst, kannst du ihm deine Hand hinhalten.“

Millie lässt Papa los und streckt vorsichtig ihre Hand aus. Als Pünktchen daran schnuppert, spürt Millie ein lustiges Kitzeln.

„Soll ich mit reinkommen?", fragt Papa.

„Auf gar keinen Fall!“, ruft Gesa und stemmt die Arme in die Seiten. „Das ist doch ein Kindergarten und kein Elterngarten!"

Millie lacht.

„Ich weiß, dass es den Erwachsenen immer wahnsinnig schwerfällt, sich von den Kindern zu verabschieden“, fährt Gesa fort.

„Sie können sich einfach nicht trennen. Kein Wunder – wir erleben hier schließlich jeden Tag tolle Abenteuer. Das würden die Großen natürlich auch liebend gerne. Aber so leid es mir tut: Ich kann da keine Ausnahme machen."

Sie zwinkert Millie zu. Dann zeigt sie auf eine Bank unter einem Baum.

„Das da ist unser Kuschelplatz. Hier kann man sich noch mal ganz fest drücken oder ein Küsschen geben, und dann gehen die Kinder hier entlang“ – sie schwingt ihre Arme Richtung Eingang – „und die Erwachsenen nach dort!“

Sie winkt in weite Ferne.

Millie drückt ihren Elefanten an sich und sagt mit fester Stimme: „Okay, Papa. Sei nicht traurig. Ist ja nicht lange.“

Papa beugt sich zu Millie runter und legt seinen Arm um sie. „Gut, mein Schatz. Ich wünsche dir viel Spaß."

Millie nickt. Als er weggeht, hat sie einen dicken Kloß im Hals.

Aber dann stupst Pünktchen sie mit seiner Hundenase an, und der Kloß wird langsam kleiner.

Millie folgt Gesa und Pünktchen ins Haus.

Sie schnuppert in die Luft.

Es riecht nach Meer und Wald und Wiese und Blumen: Es riecht nach … Abenteuer!

„Du kommst gerade richtig!“, ruft ein Mann, als er Millie sieht.

Seine dunklen Haare sind zu einem kleinen Zopf gebunden, und einen Bart hat er auch.

„Ich bin Farid und betreue zusammen mit Maria die Gruppe. Schön, dass du da bist.“

Millie sieht das Funkeln in seinen Augen.

Er trägt eine schwarze Pluderhose und ein rot-weiß gestreiftes T-Shirt. Außerdem ist er barfuß.

„Du siehst aus wie ein Pirat“, sagt Millie, und Farid prustet laut los.

„Farid ist aber ein lieber Pirat“, erklärt Gesa. „Das wirst du gleich sehen.“

Sie deutet auf eine Tür, an der lauter Kleeblätter aus Papier kleben.

„Ich verschwinde dann mal wieder in mein Büro. Viel Spaß bei uns, Millie!“

„Gesa ist die Chefin hier", flüstert Farid. „Sozusagen die Ober-Piratin.“

Millie kichert und folgt Farid in den Gruppenraum.

Sie weiß gar nicht, wohin sie zuerst schauen soll.

Zwei Jungs kommen gerade aus einer selbst gebauten Höhle gekrochen, ein Mädchen steigt die Treppe zu einer Art Baumhaus hoch und rutscht dann eine lange Rutsche hinunter.

Auf der anderen Seite befindet sich ein großes rundes Becken im Boden.

Und das ist voller Kissen! Große und kleine Kissen in allen Farben.

Vier Kinder stehen am Rand und bewerfen sich damit gegenseitig.

„Du hast aber einen schönen Elefanten", sagt ein Junge mit schwarzen Locken. „Darf ich den mal streicheln?“

„Klar", sagt Millie. „Wie heißt du?“

„Tarek", antwortet der Junge. „Willst du mit mir ins Kissenmeer hüpfen?“

Da muss Millie nicht lange überlegen. Natürlich will sie!

Tarek schnappt sich Millies Hand und ruft: „Eins, zwei, drei!“

Dann rennen die beiden los und springen. Millie kneift die Augen zusammen.

Sie hat das Gefühl, als würde sie immer tiefer in die weichen Kissen sinken.

Als sie die Augen wieder öffnet, sind Tarek und sie nicht mehr im Kindergarten.

Sie stehen zwischen lustig geformten Bäumen auf einer Wiese. Das Gras ist allerdings ziemlich vertrocknet.

„Hä?“, macht Millie.

„Yeah!“, ruft Tarek.

„Wo sind wir?“, will Millie wissen.

„Na, in einem Abenteuer, nehme ich an.“ Tarek hüpft aufgeregt von einem Bein aufs andere.

Millie versteht gar nichts mehr.

Dann fällt ihr ein, was Gesa gesagt hat. Dass man im Kindergarten Wunderbar jede Menge Abenteuer erlebt.

Meinte sie damit etwa echte Abenteuer?

„Millie!“, sagt Tarek plötzlich. „Schau doch mal!“

Zwischen den Bäumen kommt ein kleiner Elefant auf sie zugetrottet.

Millie schlägt sich die Hand vor den Mund.

„Ist der echt?“, fragt sie und hält zum Vergleich ihren Kuschel-Elefanten vor sich.

„Sind wir hier in Afrika?“ Tarek zuckt mit den Schultern.

„Keine Ahnung“, antwortet er. „Wie ein Zoo sieht es jedenfalls nicht aus.“

Stimmt, denkt Millie. Aber kann das sein? Sind sie wirklich in einem anderen Land, weit weg von zu Hause?

„Du musst keine Angst haben", flüstert Tarek. „So ein Abenteuer dauert nicht lange. In ein paar Minuten landen wir auf jeden Fall wieder im Kindergarten.“

„Aber wie sind wir denn hierhergekommen?“, wundert sich Millie.

„Das gibt es nur im Kindergarten Wunderbar“, erklärt Tarek.

„Man schaukelt oder rutscht oder springt ins Kissenbecken, und wenn man Glück hat, passiert einem so etwas!"

Er umarmt Millie. „Und wir beide haben ein Riesenglück."

Der kleine Elefant steht jetzt direkt vor ihnen.

„Habt ihr meine Mama gesehen?", trötet er mit trauriger Stimme.

„Nein, leider nicht", sagt Tarek. „Sollen wir dir beim Suchen helfen?“

„Das wäre schön“, antwortet der Elefant.

„Was ist denn passiert?“, fragt Millie.

Der Elefant schlenkert mit dem Rüssel. „Mama wollte mich zum ersten Mal in den Elefantengarten bringen. Aber ich will da nicht hin! Und deshalb … na ja … bin ich weggelaufen!"

Millie reißt die Augen auf. „Das darf man nicht!“

„Ich weiß", trötet der Elefant. „Ich will ja auch wieder nach Hause. Leider habe ich mich verlaufen.“

Als er anfängt zu schluchzen, streichelt Millie ihm über den Rüssel.

„Wir sind doch bei dir", versucht sie ihn zu trösten. „Und zusammen schaffen wir das.“

„Was ist überhaupt ein Elefantengarten?", fragt Tarek und überlegt. „Spielt man da den ganzen Tag mit anderen Elefanten?"

„Ja", brummt der kleine Elefant. „Und man lernt Sachen. Wasserspritzen. Oder Ohrenwackeln.“

„Das ist doch super", meint Tarek.

„Schon„, murmelt der Elefant. „Aber die Eltern dürfen nicht dableiben.“

Millie muss grinsen. „Ich habe heute auch meinen ersten Kindergartentag“, sagt sie.

„Und ich war soooo aufgeregt. Mein Herz hat geklopft, und in meinem Bauch hat es gezwickt, und …"

„Ja!", ruft der Elefant. „Genauso war es bei mir! Und was hast du dagegen gemacht? Bist du auch weggelaufen?"

„Nein", sagt Millie. „Ich habe gar nichts gemacht. Na ja, gut, ich habe Papa gedrückt, und dann bin ich reingegangen. Außerdem habe ich immer mein Kuscheltier dabei.“

„Und das war nicht schlimm?", fragt der Elefant und tätschelt mit dem Rüssel den Stoff-Elefanten.

Millie überlegt und schüttelt den Kopf.

„Nein", sagt sie. „Es gibt so viel zu entdecken, da hat man gar keine Zeit, traurig zu sein.“

Dann stellt sie sich vor das große Elefantenohr und flüstert: „In diesem Elefantengarten warten bestimmt jede Menge Abenteuer auf dich."

Tarek lächelt. „Und neue Freunde warten da auch."

„Na gut“, sagt der kleine Elefant. „Ich probiere es mal."

In diesem Moment ertönt ein lautes Trompeten.

„Das ist meine Mama!", ruft der kleine Elefant und trompetet zurück. „Aber wo ist sie?"

Er dreht sich suchend im Kreis herum.

Millie hat eine Idee. „Kannst du mich hochheben?“, fragt sie. „Vielleicht sehe ich sie."

„Sicher!“, meint der kleine Elefant und schlingt seinen Rüssel um Millies Bauch.

Wie das kitzelt! Langsam hebt er sie hoch.

Und tatsächlich – in der Ferne sieht Millie einen großen Elefanten traben.

„Da entlang!“, sagt sie, und ehe sie’s sich versieht, setzt der kleine Elefant sie auf seinen Rücken.

Dann hebt er Tarek hoch. „He!“, ruft der lachend und landet gleich hinter Millie.

Der Elefant läuft mit den beiden los.

„Ist das toll!“, jubelt Tarek.

„Supertoll!“, staunt Millie.

Laut trötend traben der große und der kleine Elefant aufeinander zu.

Als sie sich endlich gegenüberstehen, verknoten sie vor lauter Glück beinahe ihre Rüssel.

„Da bist du ja!“, sagt die Elefantenmama erleichtert.

„Ja", sagt das Elefantenkind. „Da bin ich. Und wenn du unbedingt willst, können wir jetzt zum Elefantengarten gehen.“

Die Mutter sieht Millie und Tarek an. „Habe ich das euch zu verdanken?“

Millie grinst und zuckt mit den Schultern. „Vielleicht ein bisschen.“

Die Elefantenmama hebt den Rüssel. „Dann habt ihr euch auf jeden Fall eine erfrischende Elefantendusche verdient.“

Sie prustet in die Luft, und kühle Wassertropfen rieseln auf Millie und Tarek herab.

Sie strecken ihre Köpfe nach oben und schließen die Augen.

Kurz darauf liegen Millie und Tarek wieder im weichen Kissenberg im Kindergarten Wunderbar.

Sie sehen sich an und müssen kichern.

„War das schön!“, flüstert Millie.

„Superschön“, antwortet Tarek.

Millie nimmt Tareks Hand.

Und freut sich schon auf das nächste Abenteuer mit ihrem neuen Freund.

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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