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Hörnchen und Bär - Haufenweise echt waldige Abenteuer

Ein Auszug aus einer Geschichte mit Illustrationen von Andreas H. Schmachtl, erschienen im Arena Verlag.

Kapitel eins, in dem Hörnchen zum allerersten mal zum Nicht-Angeln geht

Neulich im Wald war ein gewisses Gebrumm zu hören.

Damit lässt es sich beginnen.

Und dann kann man noch sagen, dass es ein sehr guter Wald war. Womöglich sogar der beste.

Es gab nämlich einen See, unzählige Bäche, bemooste Felsen, Blaubeerbüsche, dichtes Unterholz und natürlich Bäume. Viele, viele Bäume. Haufenweise Bäume sozusagen.

Sie wuchsen in allen Größen und Arten kreuz und quer durcheinander.

Da waren solche mit Nadeln, wie Kiefern, Tannen oder Eiben. Außerdem solche mit Laub, wie Buchen, Kastanien, Ahorn und Eichen.

In einem dieser Bäume wohnte Hörnchen. Hoch oben im Stamm hatte er seine urgemütliche Schlafhöhle.

Auf einem Ast trank er Tee, auf dem nächsten, übernächsten, dem darüber und einem weiter unten las er.

Zwischen der großen Astgabel wiederum hängte er seine Wäsche auf, und irgendwo links stand sein Lexikon.

Dann gab es auch eine Vorratskammer, Flöte gespielt wurde ganz oben im Blätterdach und so weiter.

Natürlich hatte Hörnchen den Baum nicht für sich allein. Denn Hettie, die winzige Zaunkönigin, wohnte ebenfalls im Geäst.

Auch Hopp, der Laubfrosch, klebte immer irgendwo herum. Meistens dort, wo man ihn gerade überhaupt nicht erwartete.

Und in einer Höhle weiter unten wohnten drei Schlafmäuse.

Aber jetzt zurück zum Gebrumm! Hörnchen hatte es schon oft gehört.

Nur hatte es bisher immer schrecklich früh gebrummt.

Und da war er noch eindeutig zu müde, um sich darum zu kümmern.

Ehrlich gesagt, hatte ihn das Gebrumm bisher auch nicht besonders interessiert.

Es war eben da und gehörte einfach zu … ja, zu wem denn eigentlich?

Ganz plötzlich fand Hörnchen dieses Gebrumm doch enorm interessant.

Er lugte aus seiner urgemütlichen Schlafhöhle hervor und sah, dass Bär direkt unter seinem Baum vorbeischlenderte.

„Hey, Bär!“, rief Hörnchen den ganzen Baum hinunter.

„Hallo, Hörnchen!“, grüßte Bär den ganzen Baum wieder hinauf.

„Könnte es wohl sein", begann Hörnchen, „dass dieses Gebrumm vielleicht zu dir gehört?“

„Ja, das könnte angehen“, nickte Bär.

„Vielleicht gehörst du aber auch zu dem Gebrumm“, meinte Hörnchen. Was natürlich enorm klug überlegt war.

Das fand Bär auch und erklärte: „Das lässt sich schwer sagen."

„Eben. Immerhin seid ihr zusammen unterwegs. Und wo wollt ihr jetzt gerade hin?", fragte Hörnchen weiter.

„Zum See“, antwortete Bär.

„Uiii – zum See!“, rief Hörnchen begeistert und reckte seine Ohren pfeilgerade in die Höhe.

Wie der Blitz sauste er am Stamm hinab und fragte: „Was wollt ihr denn am See?“

„Das Gebrumm biegt meistens schon vorher ab. Aber ich gehe zum Angeln", erklärte Bär und zeigte mit seiner einen Pranke auf die Angel in seiner anderen Pranke.

Hörnchen hatte so ein Ding noch nie gesehen. Überhaupt hatte er vom Angeln noch nichts gehört.

Normalerweise hätte er jetzt in seinem Lexikon nachgeschaut.

Aber weil das gerade nicht ging, wollte er wissen: „Was macht man so beim … Angeln?"

„Tja, mal überlegen …", sagte Bär, „… man sitzt im Boot und hält die Leine ins Wasser, bis man einen Fisch fängt.“

„Ganz allein?", staunte Hörnchen.

„Ja meistens“, antwortete Bär. „Ich mag das Alleinsein.“

„Ich auch. Darf ich mit?“, fragte Hörnchen.

„Klar“, nickte Bär. „Hast du denn eine Angel?“

„Eher nicht“, gestand Hörnchen.

„Na dann“, antwortete Bär, hob einen Stock auf, knotete ein Stück Schnur daran und sagte: „Nimm die.“

Hörnchen blickte seine erste ganz und gar eigene Angel ziemlich ratlos an und gestand: „Hörnchen gehen eigentlich gar nicht zum Angeln."

„Gehen sie denn zum Nicht-Angeln?“, fragte Bär.

Hörnchen dachte eine angemessene Weile gründlich nach und entschied: „Ja, ich glaube, das tun sie.“

„Na, dann mach doch einfach das“, schlug Bär vor.

„Okidoki“, sagte Hörnchen. „Aber …“

„Aber … was?“, seufzte Bär.

„Aber eigentlich wollen Hörnchen auch keinen Fisch fangen. Hörnchen mögen nämlich keinen Fisch. Sie mögen Eicheln", erklärte Hörnchen ein bisschen unglücklich und fragte weiter: „Glaubst du, dass ich am See eine Eichel angeln könnte?“

„Nein", antwortete Bär.

„Ich würde aber enorm gerne eine Eichel an der Angel haben, wenn wir am See sind“, gestand Hörnchen.

„Dann bindest du am besten jetzt schon eine dran“, schlug Bär vor.

Hörnchen fand, dass das eine spitzenmäßige Idee war.

Er knotete eine besonders schöne Eichel an seine Angelschnur.

Und dann konnten sie endlich zum ersten Mal zusammen zum See gehen.

Übrigens bog das Gebrumm wirklich vorher ab.

Aber Hörnchen und Bär ruderten gemeinsam mit ihrem Boot auf den See hinaus. .

Das würden sie von nun an fast jeden Tag so machen.

Hörnchen brachte vom Nicht-Angeln stets eine Eichel mit nach Hause.

Und Bär hatte beim Alleinsein Gesellschaft

Kapitel zwei, in dem Hörnchen einen Knopf drückt

Hörnchen sagte zwar immer, dass sein Baum eben sein Baum wäre. Und irgendwie stimmte das natürlich auch.

Trotzdem wohnten, wie bereits erwähnt, auch noch ein paar andere Leute zwischen all den Ästen, Zweigen, Blättern, in der Rinde oder in irgendwelchen Höhlen im Stamm.

Zum Beispiel die Schlafmäuse. Die so hießen, weil sie scheinbar immer schliefen.

Tatsächlich verschliefen sie jedoch nur die Tage und kamen dafür nachts heraus, um zu tun, was Schlafmäuse üblicherweise taten.

Aber weil Hörnchen dann meistens selbst schlief, hatte er die drei noch kein einziges Mal gesehen.

Darum konnte er auch nur vermuten, dass es tatsächlich drei von ihnen in der kleinen Höhle weiter unten gab.

Andererseits schickten die drei jedes Jahr eine Weihnachtskarte, auf der sie alle unterschrieben.

Hörnchen konnte sich ihre Namen zwar nicht merken, aber es waren auf jeden Fall drei.

Und wenn er die Post für sie entgegennahm, weil er ja wach war und sie nicht, dann waren diese Briefe und Pakete stets an alle drei adressiert. So wie heute.

Als Hörnchen seine urgemütliche Schlafhöhle verließ, lag nämlich ein Paket unter dem Baum.

Bestimmt war es für die drei Schlafmäuse. Sie bekamen enorm viel Post.

Nachdem Hörnchen sich also einen Tee gekocht hatte, holte er das Paket und platzierte es oben zwischen den Ästen.

Und da entdeckte er, dass es für ihn war!

Hörnchen überlegte angestrengt, wer ihm so ein großes Paket schicken mochte.

„Habe ich womöglich schon wieder meinen eigenen Geburtstag vergessen?", fragte sich Hörnchen.

Das war ihm schon einmal passiert. Jedenfalls fast. Zum Glück hatte Bär ihn mit einem Nusskuchen daran erinnert. Aber das ist eine andere Geschichte.

Darum zurück zu diesem Tag und zum Paket, natürlich.

Hörnchen tupfte vorsichtig mit dem Finger gegen den Karton und horchte sogar daran.

Womöglich hatte sich der Absender schlichtweg vertan und ihm versehentlich das Paket geschickt.

Klarer Fall, das Paket war gar nicht für ihn. Darum beschloss Hörnchen, erst einmal in aller Ruhe seinen Tee zu trinken.

Das war eigentlich immer eine gute Idee.

Denn schon nach dem ersten Schluck fiel Hörnchen ein: „Uiii, das ist mein Toaster!"

Mit einem Satz waren Hörnchen und sein Teebecher wieder bei dem Paket.

Und höchstens zwei Sekunden später hatte Hörnchen den Karton geöffnet.

Gespannt reckte er die Ohren pfeilgerade in die Luft.

„Was hast du denn da?“, fragte eine Stimme.

Hörnchen fuhr vor Schreck zusammen und hätte am liebsten geschimpft: „Man klebt doch nicht einfach so an anderer Leute Paketen herum, Hopp!"

Andererseits freute sich Hörnchen viel zu sehr, um sich mit dem Schimpfen noch länger aufzuhalten.

Darum antwortete er: „Das ist mein neuer Toaster!“

Stolz deutete er auf das glänzende, herrlich rote Gerät.

„Was willst du denn mit einem Toaster?“, staunte Hopp.

„Toasten. Was denn sonst?“, antwortete Hörnchen verwundert.

Andererseits wusste Hopp womöglich nicht, dass jedes Hörnchen einen Toaster haben sollte.

Und so erklärte Hörnchen: „Jedes Hörnchen sollte einen Toaster haben. Möglichst einen roten."

„Aha!“, sagte Hopp stirnrunzelnd.

Hörnchen nahm seine Neuerwerbung gründlich unter die Lupe.

Also, der Toaster war wunschgemäß rot. So hatte Hörnchen ihn ja auch bestellt.

Dann gab es oben zwei Schlitze. Dort kamen natürlich die Toastscheiben hinein.

Drückte man den Schiebegriff hinunter, verschwand das Brot im Gerät.

Mit einem kleinen Rad konnte man die Temperatur einstellen. Je nachdem, ob man seinen Toast heller oder dunkler mochte.

Schließlich gab es noch den Notfallschalter. Falls mal etwas schiefging und statt köstlichem Duft dunkler Qualm aus dem Toaster stieg.

Aber dann entdeckte Hörnchen das Beste überhaupt und sagte begeistert: „Uiii – der Turboknopf!“

Das war übrigens der Moment, in dem Hopp lieber woanders kleben wollte. Nämlich ein gutes Stück von Hörnchen und seinem Turboknopf entfernt.

Mit einem Hopp war Hopp verschwunden.

Hörnchen störte das nicht weiter. Ja, er bemerkte es nicht einmal.

Immerhin hatte er jetzt Wichtigeres zu tun. Der Toaster musste getestet werden.

Glücklicherweise hatte Hörnchen schon eine Tüte Toastbrot gekauft, gleich nachdem der Toaster bestellt war.

Ein paar Scheiben fehlten zwar schon, weil das Paket so furchtbar lange auf sich hatte warten lassen …

„Los geht’s!“, entschied Hörnchen jetzt.

Er nahm den Toaster mit auf seinen Frühstücksast, kramte das Toastbrot hervor und begann hochvergnügt mit seinem Toastertest.

Und weil er so vergnügt war, stimmte er nebenbei ein kleines Liedchen an.

Nämlich dieses: „Ich sitze hier und fühl mich wohl, römm, pömm, tingel-di-dömm, wie der Weißling auf dem Kohl, römm, pömm, tingel-di-dömm. Und kommt es mir dann in den Kopf, römm, pömm, tingel-di-dömm, drücke ich den Turboknopf, römm, pömm, tingel-di-dömm!"

Tja, und das tat Hörnchen dann auch.

Sobald die Brotscheiben im Toaster verschwunden waren, drückte Hörnchen den Turboknopf. Jedes Mal!

Wie es sich für so einen Turboknopf gehörte, leuchtete er signalgelb auf. Es war herrlich.

Aus dem Innern des Toasters ertönte ein verheißungsvolles Summen.

Außerdem glommen die Glühdrähte auf. Das war vermutlich das Turbomäßige an dem Knopf.

Jedenfalls waren die Toastscheiben in null Komma nichts fertig und schossen in hohem Bogen aus dem Toaster heraus.

Sie flogen rasant in die Luft und segelten weiter, um schließlich irgendwo im Grün des Waldes zu verschwinden.

„Klasse!“, rief Hörnchen verdutzt und begeistert zugleich. „Das mache ich gleich noch mal.“

Schon wanderten die nächsten Toastscheiben in den Toaster, der Turboknopf wurde gedrückt und leuchtete signalgelb, die Glühdrähte glommen, es summte, dann schossen die Toastscheiben hinaus und verschwanden im Wald.

Hörnchen war hin und weg. Er hatte sich natürlich schon früher haufenweise tolle Sachen ausgedacht, die man mit so einem Turboknopf anstellen konnte. Aber das hier war, ehrlich gesagt, noch besser.

Darum mussten die nächsten Toastscheiben auf der Stelle turbogetoastet werden.

Es leuchtete, glühte, summte, dann schossen die Toastscheiben in den Wald, und weg waren sie.

„Das ist echt spitzenmäßig“, entschied Hörnchen. Und das meinte er auch so.

Nur sein Bauch schien anderer Meinung zu sein. Der knurrte nämlich unüberhörbar.

Vor allem, als köstlicher Toastduft von den Baumwurzeln heraufzog.

Dort unten freuten sich ein paar Waldmäuse über eine der Toastscheiben mit Butter und Heidelbeermarmelade.

Junge, das duftet aber wirklich gut, dachte Hörnchen. Ein Stück weiter freute sich Dachs über den frischen Toast, der ihm im hohen Bogen direkt vor den Bau gesegelt war.

Soweit Hörnchen erkennen konnte, genoss Dachs sein unverhofftes Frühstück mit Erdbeermarmelade.

„Das schmeckt bestimmt auch gut", überlegte Hörnchen. Und sein Bauch stimmte lautstark zu.

Na ja, zwei Scheiben Toast waren ja noch im Beutel.

Die wollte Hörnchen furchtbar gern selbst verdrücken.

Er musste eben genau den richtigen Moment abpassen, wenn sie aus dem Toaster schießen würden, und sie dann einfangen.

Springen, hopsen oder etwas aus der Luft zu grapschen, war für Hörnchen schließlich eine Kleinigkeit.

So drückte er den Schieber nach unten, betätigte den Turboknopf und wartete. Gespannt wie ein Flitzebogen.

Die Zeit schien sich hinzuziehen wie Gummi. Doch dann geschah alles gleichzeitig.

Es klickte leise, die Glühdrähte erloschen, der Schieber flitzte nach oben und mit ihm die Toastscheiben.

Aber bevor Hörnchen springen, hopsen, in die Luft grapschen oder überhaupt irgendetwas tun konnte, waren die letzten Toastscheiben wie alle anderen zuvor im Wald verschwunden.

Und das war weder klasse noch spitzenmäßig. Denn Hörnchen hatte jetzt wirklich Hunger.

Geknickt hockte er auf seinem Frühstücksast.

Mit seinem Teebecher, seinem roten Toaster, aber eben ganz und gar ohne Toast.

Für einen kurzen Moment sah es so aus, als würde dies trotz des tollen neuen Toasters und sogar trotz des spitzenmäßigen Turboknopfs ein ziemlich trauriger Morgen werden.

Hörnchen seufzte über seinen Teebecher hinweg.

Da erschien Bär, um ihn zum Angeln abzuholen.

„Alles gut?“, fragte Bär.

„Geht so", antwortete Hörnchen und erklärte: „Ich habe einen neuen Toaster. Einen roten. Er hat sogar einen Turboknopf. Das ist alles klasse. Nur kriege ich irgendwie keinen Toast ab. Denn der fliegt im hohen Bogen davon.“

„Ich weiß“, antwortete Bär und hielt Hörnchen zwei Toastscheiben entgegen.

Sie dufteten herrlich und waren mit goldgelbem Honig bestrichen.

„Sind die bis in deine Höhle gesegelt?“, staunte Hörnchen.

„Japp“, antwortete Bär. „Möchtest du?“

„Und wie!", freute sich Hörnchen und griff zu. „Ich wusste doch, dass mein Toaster toll ist.“

„Das ist er", sagte Bär. „Womöglich fliegt der Toast ohne Turboknopf nicht bis zu mir. Vielleicht könntest du den Turboknopf einfach mal nicht drücken.“

„Nein, das glaube ich eher nicht", gestand Hörnchen. „Aber ich könnte uns frischen Toast machen, und den essen wir dann zusammen in deiner Höhle.“

„Auch eine Lösung“, schmunzelte Bär.

Hörnchen schnappte sich seine Angel, biss genüsslich in den Toast mit Honig und fand ihn köstlich. Turbomäßig köstlich, sozusagen.

Kapitel drei, in dem es zu heftigem Wellengang kommt

Na, zum Glück muss ich heute keine Wäsche auf hängen, dachte Hörnchen, als er am Dienstag die Nase aus seiner urgemütlichen Schlafhöhle hielt.

Denn am Dienstag wehte so ein ungestümer Wind durch den Wald, dass er hier und da sogar das Laub von den Bäumen rupfte.

Und obwohl es noch viel zu früh für die bunten Herbstblätter war, taumelte Hörnchen ein besonders buntes Blatt entgegen. Ein kunterbuntes sozusagen.

Hörnchen erschreckte sich wirklich nur ganz kurz und grapschte das Blatt dann einfach so aus der Luft.

Von einem Baum stammte das aber nicht!

Bei genauerer Betrachtung war es auch nur von einer Seite bunt.

Hörnchen erkannte darauf Wellen, die gegen große Felsen schlugen.

Und auf den Felsen stand ein irgendwie rundes Haus mit einer großen Laterne auf der Spitze.

Das Ganze war enorm merkwürdig.

Im nächsten Moment wehte der Wind Bär heran.

Da kann man mal sehen, wie ungestüm er war. Der Wind, natürlich. Nicht Bär!

Und bevor Bär etwas sagen konnte, hielt Hörnchen ihm das bunte Blatt vor die Nase und fragte: „Hey, Bär, was ist das?“

„Das ist ein Leuchtturm“, antwortete Bär.

„Uiii … ein Leuchtturm!“, staunte Hörnchen und reckte seine Ohren pfeilgerade in die Höhe.

Er hopste vom Baum, schnappte seine Angel und ging mit Bär zum See.

Immer wieder betrachtete Hörnchen den Leuchtturm. Gehört hatte er davon nämlich schon.

„Das ist also ein Leuchtturm“, murmelte Hörnchen vor sich hin. „Bist du sicher?“

„Ziemlich“, antwortete Bär. „Warum?“

„Na, eigentlich …", antwortete Hörnchen, „… hatte ich mir so ein Ding ein bisschen größer vorgestellt. Und runder. Und mindestens …“

Wie ein Blitz sauste Hörnchen den nächsten Baumstamm hinauf. „… sooo hoch!“

Bär rief Hörnchen hinterher: „Das ist ja auch nur ein FOTO von einem Leuchtturm."

Hörnchen flitzte wieder hinab und meinte: „Na, das hättest du auch gleich sagen können."

Als sie an den drei Kiefern vorübergingen, fragte Hörnchen: „Warum leuchtet so ein Leuchtturm eigentlich?“

Bär antwortete: „Damit die Schiffe sich bei starkem Wellengang nicht verirren."

„Klar, hätte ich mir denken können“, sagte Hörnchen.

Und als sie an dem Wasserfällchen bei der Felskante vorbeikamen, wollte er wissen: „Und wo leuchtet so ein Leuchtturm?"

„Meistens direkt am Meer", erklärte Bär.

„Logisch. Da gibt’s haufenweise Wellengang“, entschied Hörnchen. „Aber wer knipst das Licht im Turm denn an?"

„Die sogenannten Wärter“, sagte Bär. „Sie kümmern sich um alles. Soweit ich weiß, wohnen sie manchmal sogar in ihrem Turm. In einem Stockwerk wird gegessen, im nächsten gelesen. Und hoch oben gibt es vermutlich eine Schlafkammer. Du verstehst schon.“

„Na, und ob", versicherte Hörnchen.

Denn das verstand er nun wirklich besser als irgendwer sonst. Immerhin war sein Baum ja praktisch ein Leuchtturm.

Nur eben als Baum … der nicht leuchtete. Leider!

Trotzdem war Hörnchen von der Idee absolut begeistert und verkündete: „Uiii … ein Wärter. Ich glaube, sowas sollte ich auch sein.“

„Warum wundert mich das nicht?“, seufzte Bär.

Dann kamen sie zum See.

Der war normalerweise spiegelglatt. Aber heute kräuselte der ungestüme Wind die Oberfläche.

Als Bär zu rudern begann, platschten doch tatsächlich ein paar winzige Spritzer zu ihnen hinauf.

Hörnchen verengte die Augen zu Schlitzen. Wodurch er enorm abenteuerlustig aussah, als er raunte: „Das sieht mir nach heftigem Wellengang aus."

„Ach ja?“, staunte Bär.

„Allerdings", versicherte Hörnchen. „Ich bin Wärter. Ich kenne mich aus!“

„Ich hatte das für ein laues Lüftchen gehalten“, sagte Bär, warf seine Angel aber gar nicht erst aus.

Denn Hörnchen antwortete: „Ja, da kann man sich ganz schön täuschen. In null Komma nichts wird aus dem lauen Lüftchen …"

„… heftiger Wellengang?“, fragte Bär.

„Du sagst es!", antwortete Hörnchen. „Ich sollte mich lieber um meinen Leuchtbaum kümmern. Könntest du mich bitte zum Ufer paddeln?“

„Klar“, sagte Bär und tat es.

So ging Hörnchen ausnahmsweise ohne Bär zurück. Dabei hatte er es natürlich eiliger als auf dem Hinweg.

Das war auch gut. Denn der ungestüme Wind wurde immer ungestümer.

Und irgendwann wurde das Blätterrauschen so heftig, dass es sich für Hörnchen wie waschechtes Meeresrauschen anhörte.

Wo zuvor noch weiches Moos den Waldboden bedeckt hatte, sah Hörnchen heftigen Wellengang.

Er hopste von einem Baumstumpf zum nächsten, wie man an einer steinigen Küste von einem Felsbrocken zum nächsten hopsen würde.

Bei der Gelegenheit rettete er übrigens auch gleich ein bis zwei Mäuse und einen kleinen Igel aus den vermeintlich rollenden Wellen.

Ob sie allerdings tatsächlich gerettet werden wollten, ließ sich nicht so genau sagen.

Sie waren nämlich viel zu verdutzt, als sie plötzlich in den Baum hinaufgeschleppt wurden.

Hörnchen setzte sie auf einen Ast und rief: „Keine Angst! Hier seid ihr in Sicherheit.“

Da Hörnchen ab sofort, sozusagen ganz offiziell, Wärter war, musste er sich schleunigst um seinen Leuchtbaum kümmern.

Er las nur kurz in seinem Lexikon nach, wie das eigentlich ging.

„Laterne anzünden, Rettungsleinen auswerfen, Gerettete versorgen. Okidoki, das kann ich", beschloss Hörnchen und las weiter.

Dann entdeckte er das tollste Wort überhaupt und sagte: „Uiii … ein NEBELHORN!"

Doch zunächst flitzte Hörnchen immer wieder zum Waldboden, äh, natürlich in die Wellen hinab, um weitere Waldbewohner zu retten.

Und als Bär später vom Angeln zurückkam, knallte ihm plötzlich das Ende eines Rettungsseils aus dem Baum direkt vor den Latz.

„Halte dich fest!", rief Hörnchen vom anderen Ende. „Ich ziehe dich rauf.“

Bär packte das Seil und musste die Arbeit fast nicht ganz allein machen.

Schließlich hockte auch er mit all den anderen Geretteten auf einem Ast.

Hörnchen versorgte sie mit heißem Tee und warmen Decken.

Das dauerte den einen oder anderen Moment. Womöglich sogar noch einen weiteren.

Denn als die Geretteten beim besten Willen keinen heißen Tee mehr trinken konnten, zog schon die Nacht über dem Wald herauf.

Die Geretteten schlangen ihre Decken noch enger um sich.

Es sah nämlich nicht so aus, als ob sie die Nacht zu Hause in ihren Betten verbringen würden.

Das konnte schon mal angehen, wenn man von heftigem Wellengang überrascht wurde.

Unterdessen wurde es höchste Zeit, den Leuchtbaum auch tatsächlich zum Leuchten zu bringen.

Hörnchen hatte enorm wärtermäßig darüber nachgedacht, wie er das anstellen sollte.

Und so konnten die Geretteten auf ihren Ästen beobachten, wie er sich eine Taschenlampe auf den Rücken schnallte und dann um den Baumwipfel sauste. Immer und immer im Kreis herum.

Das Licht der Taschenlampe schien, flackerte und blitzte kreuz und quer durchs Geäst, und Hörnchen war hochzufrieden.

In dieser Nacht würde bestimmt kein Schiff in Seenot geraten.

Unglücklicherweise schien, flackerte und blitzte das Licht auch immer wieder über die Geretteten.

Darum bekam in dieser Nacht keiner ein Auge zu. Und darum waren am nächsten Morgen auch alle völlig erledigt.

Na, jedenfalls sauste Hörnchen nicht mehr mit seiner Lampe umher, als es langsam hell wurde.

Als dann aber dichter Morgennebel über den Waldboden waberte, ertönte plötzlich ein markerschütterndes „HUUUP! Huuup! Hup!“.

Die Geretteten zuckten vor Schreck zusammen. Und Hettie fragte: „Was war DAS denn?“

„Ich fürchte, das war ein Nebel-Hörnchen“, seufzte Bär, kam unter seiner Decke hervor und sagte zu den anderen: „Ihr könnt jetzt nach Hause gehen.“

Das ließen sich die Geretteten nicht zweimal sagen und stiegen vom Baum hinab.

Bär hingegen stieg den Baum noch ein Stück hinauf und entdeckte Hörnchen.

Der lag völlig erledigt auf dem Ast vor seiner urgemütlichen Schlafhöhle und hauchte ein letztes, enorm schwaches „Huup!“.

„Geht es den Geretteten gut?“, murmelte Hörnchen, obwohl er die Augen kaum noch offen halten konnte.

„Geht es“, versicherte Bär.

Und dann wollte Hörnchen noch wissen: „Bär, gab es eigentlich wirklich heftigen Wellengang?"

„Irgendwo bestimmt„, antwortete Bär. „Nur hier nicht. Aber du hast das trotzdem enorm wärtermäßig gemacht.“

„Danke“, wisperte Hörnchen, während Bär ihn vorsichtig in seine urgemütliche Schlafhöhle legte.

Und als Bär endlich wieder festen Boden unter den Pranken hatte, hörte er Hörnchen dort oben erst gähnen und dann murmeln: „Manchmal ist es ein bisschen anstrengend, ich zu sein.“

Ende der Geschichte! Hab einen spannenden Tag!

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